#10 Corona und früher

Immer wieder wird mir – vor allem von älteren Personen, die keine kleinen Kinder mehr haben – erklärt, ich soll mich doch nicht so anstellen. Es war schließlich meine Entscheidung Kinder in die Welt zu setzen. Jetzt solle ich mich auch um sie kümmern. Puhh – da muss ich doch zuerst mal schlucken. Denn ja, es war meine persönliche Entscheidung (die ich wieder so treffen würde) Kinder zu bekommen und ich habe mich in den letzten Jahren dieser Verantwortung immer gestellt. Unsere Kinder besuchten erst ab 3 Jahren an ausgewählten Vormittagen eine Spielgruppe, waren niemals bei einer Mittags- oder Nachmittagsbetreuung angemeldet, sie waren in keiner Ferienbetreuung, denn die habe ich genauso selbst übernommen, wie sämtliche Fahrdienste zu Trainings und Freundinnen. Zudem war ich bei tatsächlich jedem Elternabend, KEL Gespräch und Schulfest dabei – mehr noch, ich habe Dienste übernommen, Kuchen gebacken und Lehrergeschenke organisiert.

Ich habe das gerne gemacht. Immer in dem Wissen, dass ich mich auf gewisse Gegebenheiten verlassen kann. Dazu gehört, dass Kinder ab 4 Jahren außerhalb der Ferienzeiten von Montag bis Freitag vormittags verlässlich gut betreut sind. Denn nur durch diese Verlässlichkeit, kann ich berufstätig sein und meinen Alltag organisieren.

Mit dieser langfristigen Unplanbarkeit habe ich ebenso wenig gerechnet wie mit der Tatsache, dass ich meine Kinder jemals selbst unterrichten muss. Was anfangs ganz spannend war, endete in meiner Erkenntnis, dass ich mich aus gutem Grund dazu entschieden hatte nicht Lehrerin zu werden. Doch nicht nur der fehlende Schulalltag stellte mich als Mama auf eine harte Probe, auch die Freizeitgestaltung ist plötzlich eine andere. Alles, was uns bis dato zur Gestaltung dieser „ach so wertvollen Familienzeit“ zur Verfügung gestanden hat, ist plötzlich geschlossen: Hallenbäder, Seilbahnen, Indoor-Spielplätze, Sportstätten, Kinos, Theater, ja sogar Bibliotheken und Geschäfte sind zu. Und dann habe ich wieder diese ältere Person im Ohr, die mir sagt „Früher hat es das auch alles nicht gegeben, da haben die Kinder im Wald gespielt!“. Ja verdammt, aber es ist nicht mehr früher! Denn wenn wirklich früher wäre, dann hätten wir gar keine Krise. Denn früher gab es überhaupt nicht so viele über 70-jährige. Damals wäre Corona wahrscheinlich beinahe unbemerkt an uns vorbeigezogen. Hat darüber schon mal jemand nachgedacht? Und darf man das überhaupt laut aussprechen?

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